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Sind wir nicht alle ein bißchen antisemitisch?

April 17, 2012

Die Grass-Posse liegt ja jetzt schon eine Weile zurück, sodaß ich jetzt mal was dazu schreiben möchte, wie schnell man in unserer Gesellschaft zum Antisemiten gestempelt wird und wie neurotisch die Debatte ist, wenn es um Israel geht.

Ich bin kein Fan von Günter Grass, wundere mich aber, wenn ihm jetzt ein Journalist eines seriösen Nachrichtenmagazin vorwirft, mit 15 Jahren freiwillig in die Waffen-SS unseres glorreichen Führers eingetreten zu sein.

Ich selbst hätte mit 15 Jahren einen erfolgreichen Anschlag auf Adolf Hitler verübt und somit die Deutschen vor dem Nationalsozialismus und die Welt vor einem Weltkrieg gerettet. Das kann freilich nicht jeder.

Deshalb finde ich es ein bißchen hochmütig, jetzt im Angesicht von Grassens Israel-Gedicht ihm dieses SS-Intermezzo vorzuwerfen.

Jan Fleischhauer vom „Spiegel“ tut dies indes.

In einem ziemlich schwachsinnigen und demagogischen Kommentar geißelt er Grass und wirft ihm die verschiedensten Dinge vor. Es ist interessant zu studieren, wie ein „seriöser Intellektueller“ hier vorgeht und alles Mögliche herbeikonstruiert, um Grass zu diskreditieren.

Zunächst einmal wird Grass dafür attackiert, daß er seine Aussagen in ein Gedicht gepackt hat und nicht in einen normalen Aufsatz. Denn mit einem Gedicht wolle er sich angeblich vor Kritik schützen:

Für den Dichter gilt bekanntlich eine Unschuldsvermutung, die der Pamphletist nicht für sich beanspruchen kann. Was im Mantel der Kunst daherkommt, genießt Kritikschutz; wer trotzdem etwas dagegen sagt, ist ein Banause oder, schlimmer noch, ein Intellektuellenfeind.

Seit wann gilt für einen Dichter eine „Unschuldsvermutung“? Und warum gilt die nicht für einen normalen Zeitungsjournalisten? Kurzum, Grass hat niedere Absichten damit gehabt, seine Israelkritik in ein Gedicht zu packen.

Und Jan Fleischhauer hat ja recht: Niemand wagte es hernach, Grass noch zu kritisieren. Alle erstarrten ehrfürchtig vor Grassens Kunst.

Jan Fleischhauer ist sowieso ein schwerer Fall von politischer Verwirrung. Nachdem er stolz zum Konservativen mutiert ist, scheint er gewissenhaft sämtliche konservativen Glaubensbekenntnisse verinnerlichen zu wollen, um ja auch ein guter Konvertit zu sein. Da muß man sich natürlich von der „linken“ Israelkritik abgrenzen und einfach das Gegenteil erzählen, koste es, was es wolle.

Fleischhauer hat noch andere Verfehlungen Grassens ausgemacht:

Worum geht es dem Nobelpreisträger mit seinem als Gedicht getarnten Pamphlet? Grass sagt, ihn treibe die Sorge um den Weltfrieden, die Stimme zu erheben. Klar, was auch sonst: Die brennende Sorge um Frieden und Gerechtigkeit gehört zur Etikette der politisch bewegten Intelligenz, darunter macht es der engagierte Künstler nicht.

Grass sorgt sich also um den Weltfrieden. Ich finde diese Sorge berechtigt. Ich möchte mir nicht ausmalen, was passiert, wenn Israel einen Präventivschlag gegen den Iran ausführt, wie es explizit diskutiert wurde. Jan Fleischhauers Ausführungen sind substanzlos.

Jan Fleischhauer weiß als seriöser Journalist auch noch mehr über Grass. Im folgenden Abschnitt dichtet er sich erneut alle möglichen Zusammenhänge und persönlichen Befangenheiten von Grass herbei, um erneut seine Israelkritik zu diskreditieren. Es ist auffällig, daß auch sonst in der Debatte kaum auf die inhaltliche Ebene eingegangen wird, sondern allerlei formale, psychologisch-subjektive Zusammenhänge konstruiert werden, um Kritik an Israel zu delegitimieren. Grass werden niedere Motive bis hin zum Antisemitismus unterstellt.

Diese eigentlich für totalitäre Systeme typische Agitation kennen wir bestens von unseren Feministinnen und ihren Soziologen, die ebenfalls der inhaltlichen und fairen Auseinandersetzung aus dem Weg gehen und ausschließlich mit Etiketten wie „rechts“, „frauenfeindlich“ oder „antifeministisch“ arbeiten.

Fleischhauer schreibt:

Grass will „mit letzter Tinte“ noch einmal Recht behalten, aus ganz persönlichen Gründen. Er gehört zu einer Generation von Männern, die es nie verwunden haben, dass sie am Beginn ihrer Karriere auf der falschen Seite standen. Man kann das verstehen: Ein Engagement bei der Waffen-SS ist normalerweise kein guter Anfang, um sich anschließend eine Existenz als wandelndes Weltgewissen aufzubauen. Wenn ich mich als 15-Jähriger freiwillig zur Wehrmacht gemeldet hätte, wäre ich anschließend vermutlich ein bisschen gehemmt, den Überlebenden von damals heute wieder den Marsch zu blasen. Aber das ist genau das Problem: Selbstbescheidung war noch nie Grass‘ Sache, seine Königsdisziplin ist die Rechthaberei.

Ich wäre nicht gehemmt, Gesellschaftskritik zu üben, da ich Verständnis hätte für die Situation eines 15-Jährigen in einem beispiellosen Schreckensszenario.

Eines 15-Jährigen…

Vielleicht sollte Fleischhauer sich in Zukunft als Moralist oder wandelndes Weltgewissen präsentieren. Das klappt ja schon ganz gut.

Grass hat seine Karriere bekanntlich als Schriftsteller begonnen und nicht als Wehrmachtsoffizier, wie es Fleischhauer zurechtdichtet. Auch wieder eine schöne perfide Konstruktion unseres konservativen Journalisten, um ein bestimmtes Bild zu erzeugen. Was hat Fleischhauer eigentlich gegen Grass? Warum muß er einem 15-Jährigen einen Karrierewillen andichten und seine Schriftstellerlaufbahn mit der SS-Mitgliedschaft in Verbindung bringen. So etwas nennt man tatsächlich Niedertracht.

Fleischhauer könnte sich fair und sachlich mit Grass‘ Israelkritik auseinandersetzen, statt eine unseriöse und gehässige ad personam-Demontage durchzuführen. Hat Fleischhauer einen Linken-Komplex?

Das Volk steht hinter dir, Günter!

Grass schreibt also eigentlich wegen seines persönlichen Nazi-Komplexes und nicht weil es ihm um die Zukunft Israels und der Palästinenser geht. Feministisch ausgedrückt: Grass hat Potenzstörungen und noch nie eine abgekriegt.

Deshalb ist seine Kritik an Israel nicht ernstzunehmen.

Herr Fleischhauer betätigt sich noch einmal als Psychologe und Telepath:

Schritt zwei bei dieser Umschuldungsaktion ist die Neubesetzung der Täterrolle. Es braucht ziemlich viel Phantasie, um Iran zum Opfer israelischer Vernichtungspläne zu machen, aber diese Verdrehungen gehorchen einer vertrackten Logik. Wenn die Juden die eigentlichen Aggressoren sind, dann wiegt die eigene Schuld nicht mehr so groß. Erst diese Moralverschiebung erlaubt es, wieder mit gutem Gewissen durch die Welt zu wackeln und andere Mores zu lehren.

Hat Grass Juden irgendetwas angetan? War er jetzt nicht nur bei der Wehrmacht, sondern auch KZ-Aufseher? Welche Schuld will Grass umschulden? Die eines 15-Jährigen?

Es ist interessant, was für Deutungen und Feststellungen sich ein Journalist eines seriösen Nachrichtenmagazins hier anmaßt. Hier haben wir also erneut die Bestätigung. Egal, was Grass auch sagt, er ist ein Ketzer, eine Hexe und ein Blasphemiker. Kann er sagen was er will. Alles, was er tut, ist von niederen, persönlichen Motiven bestimmt.

Mit dem schönen Nebeneffekt, daß wir uns nicht mit der Sachebene auseinandersetzen müssen.

Vielleicht sollte Fleischhauer Wahrheitsbeauftragter bei der Heiligen Inquisition werden.

Ich finde es immer wieder lustig, diese Mechanismen aufzudecken. Man findet diese Verfemungstaktiken, die bewußt jegliche Sachebene ignorieren und entstellen, also nicht nur bei Feministen, sondern überall in der Gesellschaft, wenn jemand es wagt, die Wahrheit auszusprechen.

Grass wird völlig gegenstandslos unterstellt, er stelle Iran als Unschuldslamm dar.
Da wird dann an Kleinigkeiten herumgekrittelt, ob man nun diese oder jene Formulierung hätte nutzen dürfen, irgendwelche Befangenheiten werden herbeigedichtet und die wildesten formalen Parallelitäten hergestellt, nur um das eine Ziel zu erreichen: Der inhaltlichen und fairen Auseinandersetzung aus dem Weg zu gehen.

Zu diesen formalistischen Diskreditierungsversuchen zählt nun auch, daß behauptet wird, daß schon vor Jahr und Tag diese und jene Antisemiten genauso dahergeredet hätten und von einem den Weltfrieden bedrohenden Judentum gesprochen hätten. Also ist Grass ein Antisemit. Weil er genauso spricht wie ein Antisemit zur Nazizeit oder im 19. Jahrhundert.

Schön wäre ganz nebenbei, auch mal zu erfahren, was das eigentlich ist: ein Antisemit. Das scheint ja etwas sehr schlimmes zu sein. Bin mal gespannt zu erfahren, was das ist. Wenn man hier mal mit der Wahrheit herausrücken würde, würden sich vielleicht doch etwas peinliche Momente ergeben, wenn man dieses Profil eines tatsächlichen Antisemiten mal auf Grass anwendet.

Ich selbst möchte mich natürlich auch nicht dem Vorwurf des Antisemitismus aussetzen und betone deshalb hier ausdrücklich:

Ja, ich sehe alle Juden als minderwertig an und möchte, daß sie sämtlich ausgerottet werden.

Ich hoffe, damit habe ich alle Zweifel aus dem Weg geräumt. Wer sich so direkt ausdrückt, kann eigentlich gar kein Antisemit sein. Die machen das viel heimtückischer und perfider. Zum Beispiel in Gedichten und so.

Als feministisch geschulte Menschen wissen wir natürlich, daß es auch wohlwollenden Sexismus gibt. Wenn man sich positiv über Frauen ausdrückt oder sie bevorzugt, ist das nicht selten die pure Niedertracht und ein Ausdruck von Frauenverachtung, da Frauen hier auf die Unterstützung und das Wohlwollen von Männern angewiesen sind.

Und so ähnlich, liebe Leute, ist das auch mit dem Antisemitismus. Der kann nämlich auch wohlwollend sein. Wenn man irgendetwas Positives über Juden sagt, so kann sich dahinter auch Antisemitismus verbergen.

Deshalb hier noch mal ausdrücklich: Ja, Juden sind minderwertiges Otterngezücht, welches ausgerottet gehört.

Jetzt kann mir keiner mehr was. So sichert man sich am besten gegen Antisemitismusvorwürfe ab.

Jeder sollte also immer eine kleine Menge Grass bei sich tragen, um rechtlich auf der sicheren Seite zu sein.

Damit aber noch nicht genug. Zur Absurdität dieser Debatte gehört auch, daß in einem Deutschlandfunk-Kommentar zu hören war, daß doch niemand eine Gleichschaltung der Meinung beklagen könne, wie Grass es formulierte. Es seien „durchaus divergente“ Stellungnahmen zu hören gewesen.

Die einzigen, die ihre Stimme für Grass erhoben, waren Klaus Staeck, Jakob Augstein und ein paar minderwertige Juden.

Man muß schon wirklich bekloppt sein, um in Deutschland keine Gleichschaltung der Meinung konstatieren zu können. Natürlich geschieht dies nicht explizit und administrativ wie in einem totalitären System, sondern auf implizite und psychologische Weise.

Die psychologischen Dynamiken sind aber immer dieselben. In jeder Gesellschaft.

Mir fällt abschließend noch eine lustige Parallele ein. Denn es ist auffällig, wie Feministinnen und ihre männlichen Helfer fortwährend völlig kontextlos und formal den Vorwurf des „Antifeminismus“ aussprechen, als ob es bereits eine Missetat sei, den Feminismus zu kritisieren. Genauso inhaltsleer und konstruiert wie häufig der Vorwurf des Antisemitismus zu hören ist, spielen Feministinnen mit dem Generalvorwurf, etwas sei „antifeministisch“.

Auch hier sollten uns Feministinnen einmal erklären, was daran eigentlich so schlimm ist, „antifeministisch“ zu sein.

Man hat zuweilen bei der Grass-Posse den Eindruck, daß es nur darum geht, auch nur irgendwie das Wort „Antisemitismus“ auszusprechen.

Man findet diese Denunziations-Prozesse immer wieder in gesellschaftlichen Debatten, wenn man das Goldene Kalb einer Lobby-Gruppe zu kritisieren wagt.

Vielleicht sind manche Leute in Wirklichkeit den Nationalsozialisten ähnlicher, als es ihnen lieb ist.

Aus einem Spiegel-Interview mit dem Schriftsteller Henning Mankell:

SPIEGEL: Für europäische Intellektuelle gibt es im Nahen Osten nur ein Land, in dem sie leben könnten wie zu Hause: Israel, ein freies, demokratisches Land, eine offene Gesellschaft. Ist die Gleichsetzung mit Südafrika nicht maßlos übertrieben?

Mankell: Nein. Im vorigen Jahr war ich auch auf dem palästinensischen Literaturfestival in Hebron. Ich sollte bei der Eröffnungsveranstaltung im Palästinensischen Nationaltheater in Jerusalem sprechen. Als wir anfangen wollten, öffnete sich die Tür und israelisches Militär sprengte die Feier. Ich fragte nach dem Grund, und mir wurde gesagt, ich sei ein Sicherheitsrisiko. Ich, ein Schriftsteller, sagte ich? Ich sei hier, um über Kultur zu reden. Keine Diskussion, war die Antwort, die Feier war vorbei. Israel ist keine offene Gesellschaft, sie tut nur so. Die Menschen werden genauso behandelt wie damals in Südafrika.

Einen ähnlich dämlichen Kommentar wie den von Fleischhauer findet man auch auf diesem Blog:

Dort schreibt die Autorin:

Jawohl, endlich ist es raus. Vorige Woche brach Günter Grass sein Schweigen und sagte, „was gesagt werden muss“. Denn schließlich ist es nichts Geringeres als die Bedrohung des Weltfriedens, die dem alternden Dichter den Schlaf raubt. In den Hauptrollen: Israel als Aggressor, Iran als unschuldiges Opfer. Unerhört, zumindest vielleicht für ein ehemaliges Mitglied der Waffen-SS. Deshalb verfasste Grass ein fantasiereiches Pamphlet, das er kurzerhand mittels der Enter-Taste entsprechend zerstückelte, um es so als Gedicht vermarkten zu können.

Zum Gegenlesen die Grass-Passage:

Warum schweige ich, verschweige zu lange,
was offensichtlich ist und in Planspielen geübt wurde, an deren Ende als Überlebende wir allenfalls Fußnoten sind. Es ist das behauptete Recht auf den Erstschlag, der das von einem Maulhelden unterjochte und zum organisierten Jubel gelenkte iranische Volk auslöschen könnte, weil in dessen Machtbereich der Bau einer Atombombe vermutet wird.

Wieder wird ad personam argumentiert und die Waffen-SS exhumiert. Iran ist nun ein „unschuldiges Opfer“ und kein unterjochtes Land mit Atomambitionen, wie es Grass formuliert. Bei solchen Beispielen frage ich mich immer wieder, wie dumm sich manche Menschen freiwillig stellen und selbst belügen.

Die Autorin dieses Blogs ist wie Fleischhauer ein leider trauriges Beispiel dafür, wie unter gutem Vorsatz die Kritik an linker politischer Korrektheit und Ideologie durch eine nicht minder dumme rechte politische Korrektheit ersetzt wird.

Hier wird linke Verblendung durch rechte ersetzt, und es fällt diesen Leuten noch nicht einmal auf. Ähnlich sieht es auch mit „Politically Incorrect“ aus, das keinen menschengemachten Klimawandel mehr kennt und uns Geert Wilders als Lösung des Islam-Problems anpreist. Dieses Muster meine ich auch bei Michael Klein vom Blog sciencefiles.org zu erkennen, der zwar recht kompetent diverse „Feminismen“ kritisiert, aber an anderer Stelle der Ideologie des freien Marktes und der Deregulierung huldigt und mit allerlei abstrakten Überlegungen die Perversität bestimmter Bereiche unserer Ökonomie schönredet und den Staat nur als negatives Vehikel kennt, das angeblich unsere Freiheit einschränkt.

6 Kommentare
  1. Omti permalink

    Freiheit ist immer die Freiheit der Anderen.
    Traurig nur das sich die Autorin dieses Satzes selbst als die Anderen betrachtet hat.
    Btw. ich mag die Libertären auch nicht. Wie blind muss man eigentlich sein um an die allheilende Macht des Marktes zu glauben. Das ganze ist doch nur ein Wohlfühlglaubenssatz für Reiche, so dass sie sich einen Dreck um ihre Mitmenschen kehren müssen und sich auch noch gut dabei fühlen können. Denen geht es dreckig, also haben sie es verdient!
    Und wenn ich als Hurensohn mit einem besoffenen Pennervater und Aids gebohren worden bin, dann ist das auch gut so, denn ich verdiene das und mir muss auch nicht geholfen werden, denn meine Situation ist meine eigene Schuld und der Firmenerbenbonze hat sein Erbe auch verdient und das ist gerecht.
    Ich verstehe echt nicht, wie man an diesen Scheiss glauben kann. Aber es zeigt mal wieder wie unendlich egoistisch Menschen sein können.

  2. Wie blind muss man eigentlich sein um an die allheilende Macht des Marktes zu glauben. Das ganze ist doch nur ein Wohlfühlglaubenssatz für Reiche, so dass sie sich einen Dreck um ihre Mitmenschen kehren müssen und sich auch noch gut dabei fühlen können. Denen geht es dreckig, also haben sie es verdient!

    Ich bezeichne das auch als gesellschaftlichen Autismus oder Zynismus. Bei den Amis ist das besonders paranoid. Da wird ständig vor „Sozialismus“ und „Kommunismus“ gewarnt, wenn es um eine sinnvolle „Vergemeinschaftung“ oder Vergesellschaftung geht. Wenn also zu einem gewissen Grad alle füreinander einstehen. Dann geht die „kostbare Freiheit“ verloren, wenn man sich auch verantwortlich fühlt für seine Mitmenschen. Wenn man nicht nur das Individuum im Blick hat, sondern auch die gesamte Gesellschaft.

    Das ganze ist so absurd, weil diese sinnvollen Maßnahmen erstens so meilenweit entfernt sind von „richtigem“ Kommunismus und weil sie schön zeigen, daß das eigentliche Problem der „Autismus“ bzw. „Liberalismus“ ist mancher Bevölkerungsgruppen ist.

    Meiner Meinung nach sind die empathiegestört und brauchen ihren Reichtum und ihre Besonderheit als Ersatzbefreidigung.

    Lustige Paralle, die mir gerade einfällt: In kommunistischen Systemen hat man auf die gleiche Weise individuelle und liberale Bestrebungen dämonisiert und verteufelt. Alles mußte sich dem Willen des Kollektivs unterordnen.

    Es handelt sich im Grunde genommen immer um gesellschaftliche Pathologien und Extreme, deren Infragestellung angstbesetzt ist. Was der Kommunismus schon hinter sich hat, steht dem (Neo)Liberalismus noch bevor.

  3. @James T. Kirk
    „Lustige Paralle, die mir gerade einfällt: In kommunistischen Systemen hat man auf die gleiche Weise individuelle und liberale Bestrebungen dämonisiert und verteufelt. Alles mußte sich dem Willen des Kollektivs unterordnen.“

    Der Anarchosyndikalist Augustin Souchy formulierte es folgendermaßen:

    Freiheit ohne Sozialismus führt zur Ausbeutung, Sozialismus ohne Freiheit zur Tyrannei

    Also ein alter Hut, man braucht beides in einem ausgewogenem Verhältnis für eine gelingende Gesellschaftsordnung.

  4. Sehe ich auch so. Das Wort Sozialismus ist allerdings kontaminiert.

    Eigentlich ist es ganz einfach. Es gibt das Individuum und das Kollektiv, das Ich und das Wir.
    Beides muß tatsächlich in einem ausgewogenen Verhältnis sein.

    In der Geschichte gibt es eben diverse Pervertierungen, die aus dem einen oder dem anderen Moment einen Fetisch machen und dann paranoid auf den schlimmen Kommunismus oder den schlimmen Kapitalismus als Drohkulisse verweisen, vor dem man sich retten muß.

    Das ist das Tragische an all diesen Utopien und Heilslehren.

    Und absurd ist auch, daß gerade im wgvdl-Forum so eine Diskussion abläuft über das Wesen linker und rechter Politikansätze und doch tatsächlich die Meinung Vertreten wird, rechtes Denken sei nicht utopisch. Im Gegensatz zu linkem.

    Der Wirtschaftsliberalismus eines Adam Smith ist genauso eine Heilslehre wie die kommunistische Planwirtschaft.

    Linke Heilslehren sind wohl eher zukunftsgewandt – eben progressiv. Und rechte Heilslehren sind rückwärtsgewandt – eben konservativ.

    Es ist schon beklemmend, wie diese rechtsdrehenden Maskulisten bei wgvdl am Rad drehen.

    Die Rechten schwärmen ähnlich wie Linke von irgendeiner idealen Ordnung, wo noch die guten alten Werte intakt sind, alle Menschen schön religiös und dann noch die Abtreibung und Homo-Ehe verboten sind. Die traditionellen Werte der Familie…

    Es ist schon peinlich, dieses Gewäsch zu hören. Genauso wie das linkspathologische Schwärmen von der Weltrevolution.

    Meines Erachtens leben wir im Moment in einer Epoche, wo sich die Menschheit langsam von diesen Extremismen erholt und langsam kapiert, daß wir keine Heilslehren brauchen, sondern eine ausgewogene Mitte zwischen gesellschaftlichem Schutz und Miteinander und individuellen Freiheiten finden müssen.

  5. @James T. Kirk

    Meines Erachtens leben wir im Moment in einer Epoche, wo sich die Menschheit langsam von diesen Extremismen erholt und langsam kapiert, daß wir keine Heilslehren brauchen, sondern eine ausgewogene Mitte zwischen gesellschaftlichem Schutz und Miteinander und individuellen Freiheiten finden müssen.

    Ich bin da leider etwas skeptisch. Der Vorteil der heutigen Zeit ist ja, dass wir auf verschiedene politische (Menschen-)Experimente zurückblicken können und sehen, was alles nicht funktioniert hat. Und die Mechanismen für den gesellschaftlichen Schutz sind leider auch nicht immun gegen Unterwanderung von Einzelinteressen.
    Die Frage ist, wie die Spielregeln zu ändern sind, damit sowohl „konservative“ und „linke“ Lebensentwürfe nebeneinander bestehen können ohne sich gegenseitig ins Gehege zu kommen.

  6. Sorry: Ihren Kommentar bei mir:

    http://gabrielewolff.wordpress.com/2012/04/14/grass-gedicht-uber-die-arroganz-unserer-versagenden-medialen-vordenker/#comment-392

    habe ich eben erst gefunden; WordPress hatte ihn als ›Spam‹ eingeordnet (Sie kennen das Problem vermutlich).

    Fleischhauer verkennt das Gedicht schon insoweit, als Grass doch gerade sein Schweigen (bis jetzt) und das Brechen des Schweigens (jetzt, nach der Erstschlagsankündigung von Netanjahu) nun gerade mit seiner ›Herkunft‹ begründet, das Thema ›Schuld‹ also sehr deutlich anspricht.

    Dabei kann einem seit dem 6. Lebensjahr indoktrinierten Pubertierenden Nazi- und Kriegsbegeisterung kaum als Schuld ausgelegt werden, eher dem Elternhaus…

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